Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Kritik: The Babadook

Zuerst eine spoilerfreie Kurzkritik für alle, die nicht mit halbgeschlossenen Augen bis zur Sternebewertung runterscrollen wollen: Toller Spannungsaufbau, ungewöhnliche Charaktere, einige Längen im Mittelteil, aber die Eintrittskarte definitiv wert, Nach dem Bild folgen Spoiler für das erste Drittel des Films. Ihr seid gewarnt.

Amelia ist eine alleinerziehende Mutter, die nach dem Unfalltod ihres Manns in Trauer erstarrt ist. Mit ihrem schwer verhaltensgestörten Sohn Robbie teilt sie sich ein düsteres Haus, aber eine Familie sind die beiden nicht. Amelia ist mit Robbie überfordert und gibt ihm unbewusst die Schuld am Tod ihres Manns, der starb, als er sie zum Krankenhaus fahren wollte. Trotzdem setzt sie sich, wohl mehr aus Pflichtbewusstsein als aus Liebe, für ihren Sohn ein. Der leidet unter Gewaltausbrüchen und Albträumen und ist der festen Überzeugung, das Monster unter seinem Bett leben.

Als ein Kinderbuch namens The Babadook plötzlich im Schrank auftaucht, eskaliert seine Monsterphobie. In dem Buch geht es um ein Ungeheuer, das, wenn es erst mal in ein Haus eingedrungen ist, die Bewohner terrorisiert und nicht mehr vertrieben werden kann. Zuerst sieht nur Robbie den Babadook, doch das bleibt nicht so.

Regisseurin und Autorin Jennifer Kent erschafft bereits in den ersten Minuten eine beklemmende Stimmung. Sie lässt einen sonnigen, australischen Sommertag aussehen wie eine Plattenbausiedlung im November. Es gibt keine leuchtenden Farben, alles wirkt blass und wie von einem grauen Schleier überzogen. Je tiefer wir als Zuschauer in die Handlung geführt werden, desto düsterer werden die Bilder. The Babadook ist wie eine Schlinge, die sich nach und nach zuzieht. Am Anfang wirkt die Welt noch offen. Es gibt verschiedene Schauplätze und wir begegnen unterschiedlichen Figuren, doch Robbies Verhaltensprobleme zwingen Mutter und Sohn zunehmend in die Isolation. Schließlich reduziert sich die Welt des Films auf das Haus, Amelia und Robbie - und den Babadook.

Die herausragenden, schauspielerischen Leistungen von Essie Davis (Amelia) und Daniel Henshall (Robbie) tragen den Film über weite Strecken. Robbie ist besonders am Anfang beinahe unerträglich nervtötend, doch dem Drehbuch gelingt es durch kurze Szenen, seine tiefe Verzweiflung und Frustration deutlich zu machen. Als Zuschauer hat man Mitleid mit beiden, Mutter wie Sohn, was auch gut ist, denn sonst würde man wahrscheinlich auf der Seite des Babadook stehen und auf ein schnelles Ende hoffen.

The Babadook lässt sich Zeit, was man vor allem im zweiten Drittel spürt. Da wiederholen sich einige Szenen, was zu gewissen Längen führt. Dafür sind die Babadook-terrorisiert-die-Hausbewohner-Sequenzen umso besser. Der Spannungsaufbau ist phänomenal, was die Geräuschkulisse des Films sehr schön widerspiegelte: totale Stille, auf die plötzliche, erschrockene Anatmer folgten. Bei einem so abgebrühten Publikum wie dem des Fantasy Filmfests muss man das erst mal schaffen.

Das Ende ist ungewöhnlich, passt aber sehr gut zur Stimmung des Films. The Babadook ist ein im klassischen Sinn gruseliger Film, beklemmend, düster und erfüllt von einem leisen Grauen, das einem bis aus dem Kinosaal folgt.

Nervt mich auf Reddit

Ihr kennt vielleicht Reddit, diese Zeitvernichtungsmaschine, auf der man Stunden, wenn nicht Tage zubringen kann - vor allem, wenn man arbeiten muss.

In der deutschsprachigen Sektion werde ich am Sonntag Abend um 20 Uhr ein AMA (Ask Me Anything oder auch Stellt Claudia Bloß) geben. Ihr könnt mich alles fragen, von “Wieso hast du blöde Kuh Agents of S.H.I.E.L.D. verrissen?” bis zu “Wie hoch ist das Gewicht einer unbeladenen afrikanischen Schwalbe?”. Ob ihr inmitten meiner Flüchtigkeits- und Tippfehler halbwegs intelligente oder wenigstens lesbare Antworten herausfiltern könnt, werden wir dann sehen.

Einhorn vor Regenbogen mit Katze auf Rücken

Mag jemand They Might Be Giants?

Nerdrocker They Might Be Giants, die schon seit der Frühsteinzeit von Dingen wie Unterwasserstädten voller Kühen oder dem Ding am Rande deines Gesichtsfelds, das dich den ganzen Tag beobachtet und verhöhnt, singen, haben ein kostenloses Live-Album online gestellt. Es wurde bei der Tour 2013 aufgezeichnet und enthält alle Songs ihres ersten, übrigens sehr geilen Albums.

Wer die Band nicht kennt und keinen Plan hat, wovon ich rede: Hier ist ihr Stück “Where Your Eyes Don’t Go”, das Terry Pratchett mal als “the scariest song I’ve ever heard” beschrieb.

Ein Mann gegen die Welt - Kritik zu Noah

Zehn Generationen sind vergangen, seit Kain Abel erschlug und sein Bruder Seth gen Osten floh. Zehn Generationen, die die Menschheit genutzt hat, um die gesamte Schöpfung zu ruinieren.

Das ist die Ausgangssituation von Aronofskys apokalyptischen Epos Noah. Kains Nachfahren haben gewaltige Städte erschaffen und die Umwelt so weit zerstört, dass Noahs Söhne nicht einmal wissen, was ein Baum ist. Die Welt ist eine öde Wüste, die Rohstoffe sind verbraucht, die Tiere bis zum Aussterben gejagt. Man braucht keine großen intellektuellen Fähigkeiten, um die Parallelen zur Gegenwart zu erkennen, die Aronofsky hier zieht.

Noah, einer der letzten Nachfahren von Seth, lebt mit seiner Familie abseits der Städte. Er tötet keine Tiere und führt ein einfaches Leben. Letzteres ändert sich, als der Schöpfer (der Film spricht nie von Gott, also mache ich das hier auch nicht) ihm in Visionen das Ende der Welt zeigt. Eine riesige Flut wird kommen und all das Böse auslöschen, damit die Schöpfung neu anfangen kann. Um die Unschuldigen zu retten, soll Noah eine Arche bauen. Unschuldig sind aber nur die Tiere, nicht die Menschen und das bedeutet, dass Noah, um den Willen des Schöpfers zu erfüllen, sich selbst und seine eigene Familie opfern muss - plus all die anderen Leute, die ganz gern einen Platz in der Arche hätten.

Aronofsky schildert den Mythos der Sintflut als Konflikt eines Mannes mit sich selbst, seinem Schöpfer und der Welt. Russell Crowe ist großartig als der innerlich zerrissene Noah. Sein Schöpfer hat ihm zwar den größten Spoiler in der Geschichte der Menschheit verraten, trotzdem erfüllt er dessen Willen stur und bis zur Selbstaufgabe. Aronofsky unterlegt diesen inneren Konflikt mit phantastischen Bildern des äußeren Konflikts. Er erschafft eine öde, tote Welt voller knochenbedeckter Ebenen und endloser Steinwüsten. Die Menschen, die versuchen, dort zu überleben, sind grausam und desillusioniert. Sie wissen, dass ihr Schöpfer sie verlassen hat, aber sie verstehen nicht, warum.

Noah ist ein Film, der es wagt, große Fragen zu stellen und der Menschheit schonungslos den Spiegel vors Gesicht zu halten. Wenn er dabei nur nicht so sterbenslangweilig wäre.

Über weite Strecken, vor allem in der zweiten Hälfte, liegt die Last seiner eigenen Bedeutsamkeit so schwer auf seinen Schultern dass er sich im Schneckentempo fortbewegt Aronofsky hat eine Botschaft und die will er uns mitteilen, wenn nötig auch zehn Mal hintereinander.

Schon in den ersten Minuten spielt sich der Film als Oberlehrer auf. “Umweltzerstörung ist schlecht”, postuliert er, so als gäbe es irgendjemanden, der daran zweifeln würde. Dieser Tonfall legt sich nach einer Weile zum Glück und wird vom Konflikt mit Kains Nachfahren und dem Bau der Arche abgelöst. Diese Dreiviertelstunde, die ihren Höhepunkt in der Flut findet, ist klasse. Aronofsky bedient sich der für ihn typischen, visuellen Spielereien, verliert das eigentliche Thema aber nie aus den Augen. Einzig die Wächter, gefallene Engel, die von ihrem Schöpfer in Stein eingeschlossen wurden, stören. Dieses Stück Fantasy passt nicht in eine ansonsten so minimalistische und schroffe Welt. Hinzu kommt, dass das CGI vor allem in 3D verschwommen wirkt und das Design an den Steinbeißer aus Die unendliche Geschichte erinnert. Kein Wunder, dass man die Wächter im Trailer nicht sieht.

Würde Noah mit der Flut enden, könnte man ihm seine Selbstgefälligkeit und die moralische Aufgeblasenheit verzeihen. Leider folgt aber darauf ein so träges Kammerspiel, dass sich die 140 Minuten Lauflänge des Films wie 440 anfühlen. Schließlich passiert das, was man eh die ganze Zeit erwartet hat und wenn das Licht im Kinosaal angeht, ist man nicht etwa erfüllt vom Geist der grünen Revolution, sondern gelangweilt und enttäuscht.

Noah ist kein schlechter Film. Die tolle Besetzung, die großartigen Bilder und die Dreiviertelstunde, in der er eine richtige Geschichte erzählt, gehören ebenso zu ihm wie die öde zweite Hälfte und seine humorlose Schwere. Man spürt Arnofskys Leidenschaft in jeder Einstellung, aber er scheitert an dem Anspruch, den er an sich selbst stellt. Er will zu viel und erreicht zu wenig. Deshalb mit sehr viel Wohlwollen drei Sterne.

Noah

Snowpiercer: Jeder an seinem Platz

Die Crew

Ein Zug, der durch endlose, schneebedeckte Weiten rast. Menschen, eingepfercht in fensterlosen Waggons, unterdrückt von sadistischen Wachen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft, ohne Hoffnung. Das ist die Welt, in der Snowpiercer spielt.

Ein paar Einblendungen zu Beginn des Films erzählen, wie es dazu gekommen ist. Um der globalen Erwärmung Herr zu werden, bedient sich die Menschheit eines experimentellen Gases, das in die Atmosphäre entlassen wird. Der Plan geht ein bisschen zu gut auf. Innerhalb kürzester Zeit sinken die Temperaturen, bis sich der ganze Planet in eine leblose Eiswüste verwandelt. Nur einigen wenigen Überlebenden gelingt es, sich in einen Zug zu retten, der seitdem seine Kreise rund um die Welt zieht.

Die Handlung setzt siebzehn Jahre nach der Katastrophe ein. An Bord des Snowpiercers ist ein bizarres Klassensystem entstanden. Ein Großteil der Passagiere vegetiert im Slum am Ende des Zugs vor sich hin. Die Enge ist bedrückend, alles ist verdreckt, mit Insekten verseucht und armselig. Die einzige Nahrung der Menschen besteht aus glibbrigen Proteinriegeln, Stahltore trennen sie vom Rest des Zuges. Ein Mann namens Curtis (Chris Evans) will sich dieses Leben nicht länger gefallen lassen. Zusammen mit Gilliam (John Hurt), dem inoffiziellen Anführer der Slumbewohner, und einem geheimnisvollen Verbündeten, der ihnen Nachrichten aus der ersten Klasse zukommen lässt, plant er die Revolution. Doch die kann nur erfolgreich sein, wenn er die Spitze des Zugs erreicht und Wilford, den Erbauer und Lokführer des Zugs besiegt.

Dies ist die Ausgangssituation von Joon-ho Bongs Snowpiercer. Die Trailer suggerieren, dass es sich um einen geradlinigen Actionfilm handelt, bei dem sich die Protagonisten an immer stärker werdenden Gegnern vorbei bis zum Endboss durchkämpfen müssen. So eine Art Raid im Zug. Der Anfang des Films passt auch dazu.

Und dann hat Tilda Swinton ihren ersten Auftritt.

Sie spielt Mason, eine Vertraute von Wilford, die sich nach einem Handgemenge an die Slumbewohner wendet, um ihnen die Ordnung der Dinge im Zug noch einmal zu verdeutlichen. Mit religiöser Verzückung schwärmt sie von Wilford und der “heiligen Maschine”, während ein Mann neben ihr verstümmelt wird. Mason ist eine groteske Figur - in Aussehen und Verhalten - und dank Tilda Swintons phänomenaler Darstellung wird sie zum Sinnbild des Irrsinns, der an Bord des Snowpiercers herrscht.

Nach ihrer Einführung verabschiedet sich der Film von seiner Geradlinigkeit. Die Aufständischen kämpfen sich oder wandern verwirrt durch zunehmend bizarrer werdende Waggons, immer wieder unterbrochen von Action oder langen Dialogen. Die Action ist sehr gut inszeniert, die ruhigen Szenen sind nie langweilig, aber es ist nachvollziehbar, weshalb die Weinsteins Snowpiercer kürzen wollten. Leicht zu vermarkten ist der Film nicht.

Sein Tonfall schwankt ständig zwischen Groteske, Action und Drama. Die Handlung hält auch gern mal für ein paar Minuten an oder macht Schlenker, um irgendwas zu zeigen, was Autor und Regisseur cool fanden. Das geht so weit, dass Snowpiercer sich in seinen Ideen zu verlieren droht, aber wie ein Zug, der in einer scharfen Kurve abhebt, landet er (meistens) wieder auf den Schienen.

Das Szenario, das der Film darstellt, ist vielleicht nicht realistisch oder in seiner Umsetzung logisch, aber es wird mit Liebe zum Detail dargestellt. Jeder Waggon wirkt wie eine eigene Welt, wenn etwas nicht mehr verfügbar ist, wie zum Beispiel Zigaretten, sagen die Figuren “Das ist ausgestorben”, was verdeutlicht, wie hoffnungslos das Leben im Zug ist. Früher oder später wird alles ausgestorben sein, auch die letzten Überlebenden der Menschheit.

Snowpiercer ist weder ein glatter, noch ein perfekter Film, aber er bietet etwas, das man in Zeiten von Fokusgruppen und Monsterbudgets nicht mehr gewöhnt ist: Unberechenbarkeit. Man weiß nie, was einen in der nächsten Minute erwartet. Das, kombiniert mit hervorragend inszenierter Action und Charakteren, die man nicht jeden Tag sieht, unterhält ungemein und verdient die Höchstwertung von fünf Sternen.