Claudia Kern

Wenn im Gehirn kein Platz mehr ist, kommen die Worte ins Internet

Der Hobbit - ein Abschied ohne Tränen

Die folgende Kritik enthält massive Spoiler für die Hobbit-Filme. Ihr lest auf eigene Gefahr weiter.

Spannung, Staunen und gute Laune, all das bietet der dritte Teil von Peter Jacksons Hobbit-Verfilmung. Leider beschränkt sich die Spannung auf die Frage, ob der Mad-Max-Trailer vor dem Film läuft (tut er nicht), das Staunen auf die unerklärlich schlechten Effekte und die gute Laune auf Thorins Sterbeszene, weil man an dem Punkt erkennt, dass man es auch gleich überstanden haben wird.

Ich bin kein Fan der ersten beiden Filme, aber sie bieten passable Unterhaltung und sind trotz ihrer unnötigen Länge nur selten langweilig. Maßgeblich dafür verantwortlich ist Bilbo, die einzige Figur im Dreiteiler, die vernünftig charakterisiert wird und menschlich wirkt. Alle anderen sind weise Superhelden oder Karikaturen. Warum Jackson also im dritten Teil zulässt, dass Bilbo an den Rand gedrängt wird, ist mir ein Rätsel. Freeman trägt den Hobbit, so wie Frodo den Ring. Die in diesem Film zu Grübelzwergen mutierten Klamaukzwerge können ihm dabei zwar helfen, doch abnehmen können sie ihm die Aufgabe nicht.

Aber nein, statt Bilbo rücken übel zugekleisterte Elben, ein passend zu seinem Namen hölzern agierender Thorin Oakenshield und Bard der Drachentöter (dessen einzige Charakterisierung aus “führt Leute an” zu bestehen scheint) in den Mittelpunkt. Warum? Der Film heißt Der Hobbit, nicht Die dreizehn Zwerge oder Ninja-Elb 3: Jetzt erst recht.

Eine Erklärung dürfte darin bestehen, dass es für Bilbo kaum etwas zu tun gibt. Er hockt zusammen mit den Grübelzwergen in einer dunklen Festung und wartet darauf, dass irgendjemand etwas tut, das die Handlung vorantreibt. Damit ist er nicht allein. Trotz zahlreicher Actionszenen passiert im Hobbit praktisch nichts. Am Anfang stirbt Smaug in einer völlig zerredeten Szene, die ans Ende des zweiten Teils gehört hätte und hier wie nachträglich angetackert wirkt. Die Menschen ziehen zur Zwergenfestung und legen sich mit Thorin an. Der verliert langsam den Verstand, was Jackson verdeutlicht, in dem er ihn ausleuchtet, als wäre er Bela Lugosi. Vergleicht das mal mit John Nobles Denethor in Herr der Ringe. So verliert man den Verstand.

Währenddessen retten Galadriel und Co in der unfreiwillig komischsten Szene des Films Gandalf. Galadriels Machtflash ist wie eine Besessenheitssequenz aus Paranormal Activity inszeniert und selbst Saurons Auftritt verpufft, weil jemand ein paar Minuten später “Pfff, Sauron, ohne den Ring kriegt der eh nichts auf die Reihe” (kein wörtliches Zitat) sagt. Dann reiten Legolas und Tauriel ein bisschen herum, spitzen uns auf geile Fledermaus-Action an, aus der aber nichts wird. Alle streiten, wer jetzt gegen wen Krieg führen soll und wieso. Mittendrin vergessen die Elben, was sie eigentlich von den Zwergen wollen, und das Mithril-Kettenhemd, das Thorin Bilbo mit viel Tamtam anlegt, spielt nicht die geringste Rolle. Mein Verdacht ist, dass Bilbo heimlich einen Abstecher nach Azeroth gemacht hat. Dort kann man Mithril gerade echt gut verscherbeln.

Der Gedanke an World of Warcraft bringt mich zu den Effekten, beziehungsweise dem Scheitern der Effekte. Nehmen wir nur mal Thranduils Elch mit seinen unrealistischen Bewegungsabläufen und dem ausgestopft wirkenden Gesicht. Der Film hat 250 Millionen Dollar gekostet. Dafür hätte man Andy Serkis’ Bewusstsein in einen echten Elch übertragen und ihn die Rolle spielen lassen können.

Der Hobbit macht ständig Versprechungen, die er dann nicht hält. Eine Wahnsinnsschlacht gegen speziell für den Krieg gezüchteten Orks sollte es geben, aber diese schwer gepanzerten Weicheierorks werden gleich reihenweise von einfachen Fischern umgelegt. Am Ende sind die Orks der Zwergenarmee locker zehn zu eins überlegen, trotzdem reichen die dreizehn Zwerge aus der Festung, um das Blatt zu wenden. Wieso mischen sich die Zwerge auf einmal ein? Weil Thorin nach einer psychodelisch angehauchten Halluzination auf einmal normal wird. Und wieso wird Thorin wieder normal? Weil die Handlung weitergehen muss.

So funktionieren Charaktere im Hobbit. Sie tun, was das Drehbuch erfordert. Das beste Beispiel ist Bard, der Alfrid, eine widerliche und bei den Bewohnern von Laketown verhasste Gestalt, zu seiner rechten Hand macht, damit der Zuschauer was zu lachen hat. Aber Alfrid ist so zweidimensional, dass er selbst im Hobbit negativ auffällt, und der Humor, den er zu bieten hat, ist dementsprechend dümmlich und lahm.

Die Geschichte des Films, Bilbos Geschichte, geht im bombastischen Beiwerk und übergroßen Gesten unter. Da werden Augen aufgerissen und Gesichter verzerrt, als wären wir zu Stummfilmzeiten. Nichts ist subtil, nichts wird angedeutet. Die ruhigen Momente, die Jackson in Herr der Ringe so perfekt inszeniert hat, wirken hier deplatziert. Wenn Thorin nach seiner Wunderheilung in Zeitlupe aus dem Feuerschein tritt und erst mal irgendwas erzählt, denkt man nur: “Alter, krieg den Arsch hoch. Deine Leute verrecken da draußen”. Aber nein, er muss erst mal Dinge erklären, die wir ohnehin schon gesehen haben.

Bedeutungsschwangere Dialoge, Superelben und derben Humor gab es in Herr der Ringe auch, aber die Filme wurden von einer starken Geschichte mit ebenso starken Charakteren zusammengehalten. Das fehlt dem Hobbit und das ruiniert vor allem den dritten Teil. Man hätte einen neuen Regisseur, neue Schauspieler und eine neue Interpretation von Mittelerde gebraucht - mal abgesehen von mindestens drei Stunden weniger Laufzeit. Stattdessen hat man Bewährtes wiederholt. Das ist kommerziell sicher, aber leider auch uninspiriert, langweilig und letzten Endes überflüssig.

2/5

Kritik: The Babadook

Zuerst eine spoilerfreie Kurzkritik für alle, die nicht mit halbgeschlossenen Augen bis zur Sternebewertung runterscrollen wollen: Toller Spannungsaufbau, ungewöhnliche Charaktere, einige Längen im Mittelteil, aber die Eintrittskarte definitiv wert, Nach dem Bild folgen Spoiler für das erste Drittel des Films. Ihr seid gewarnt.

Amelia ist eine alleinerziehende Mutter, die nach dem Unfalltod ihres Manns in Trauer erstarrt ist. Mit ihrem schwer verhaltensgestörten Sohn Robbie teilt sie sich ein düsteres Haus, aber eine Familie sind die beiden nicht. Amelia ist mit Robbie überfordert und gibt ihm unbewusst die Schuld am Tod ihres Manns, der starb, als er sie zum Krankenhaus fahren wollte. Trotzdem setzt sie sich, wohl mehr aus Pflichtbewusstsein als aus Liebe, für ihren Sohn ein. Der leidet unter Gewaltausbrüchen und Albträumen und ist der festen Überzeugung, das Monster unter seinem Bett leben.

Als ein Kinderbuch namens The Babadook plötzlich im Schrank auftaucht, eskaliert seine Monsterphobie. In dem Buch geht es um ein Ungeheuer, das, wenn es erst mal in ein Haus eingedrungen ist, die Bewohner terrorisiert und nicht mehr vertrieben werden kann. Zuerst sieht nur Robbie den Babadook, doch das bleibt nicht so.

Regisseurin und Autorin Jennifer Kent erschafft bereits in den ersten Minuten eine beklemmende Stimmung. Sie lässt einen sonnigen, australischen Sommertag aussehen wie eine Plattenbausiedlung im November. Es gibt keine leuchtenden Farben, alles wirkt blass und wie von einem grauen Schleier überzogen. Je tiefer wir als Zuschauer in die Handlung geführt werden, desto düsterer werden die Bilder. The Babadook ist wie eine Schlinge, die sich nach und nach zuzieht. Am Anfang wirkt die Welt noch offen. Es gibt verschiedene Schauplätze und wir begegnen unterschiedlichen Figuren, doch Robbies Verhaltensprobleme zwingen Mutter und Sohn zunehmend in die Isolation. Schließlich reduziert sich die Welt des Films auf das Haus, Amelia und Robbie - und den Babadook.

Die herausragenden, schauspielerischen Leistungen von Essie Davis (Amelia) und Daniel Henshall (Robbie) tragen den Film über weite Strecken. Robbie ist besonders am Anfang beinahe unerträglich nervtötend, doch dem Drehbuch gelingt es durch kurze Szenen, seine tiefe Verzweiflung und Frustration deutlich zu machen. Als Zuschauer hat man Mitleid mit beiden, Mutter wie Sohn, was auch gut ist, denn sonst würde man wahrscheinlich auf der Seite des Babadook stehen und auf ein schnelles Ende hoffen.

The Babadook lässt sich Zeit, was man vor allem im zweiten Drittel spürt. Da wiederholen sich einige Szenen, was zu gewissen Längen führt. Dafür sind die Babadook-terrorisiert-die-Hausbewohner-Sequenzen umso besser. Der Spannungsaufbau ist phänomenal, was die Geräuschkulisse des Films sehr schön widerspiegelte: totale Stille, auf die plötzliche, erschrockene Anatmer folgten. Bei einem so abgebrühten Publikum wie dem des Fantasy Filmfests muss man das erst mal schaffen.

Das Ende ist ungewöhnlich, passt aber sehr gut zur Stimmung des Films. The Babadook ist ein im klassischen Sinn gruseliger Film, beklemmend, düster und erfüllt von einem leisen Grauen, das einem bis aus dem Kinosaal folgt.

Nervt mich auf Reddit

Ihr kennt vielleicht Reddit, diese Zeitvernichtungsmaschine, auf der man Stunden, wenn nicht Tage zubringen kann - vor allem, wenn man arbeiten muss.

In der deutschsprachigen Sektion werde ich am Sonntag Abend um 20 Uhr ein AMA (Ask Me Anything oder auch Stellt Claudia Bloß) geben. Ihr könnt mich alles fragen, von “Wieso hast du blöde Kuh Agents of S.H.I.E.L.D. verrissen?” bis zu “Wie hoch ist das Gewicht einer unbeladenen afrikanischen Schwalbe?”. Ob ihr inmitten meiner Flüchtigkeits- und Tippfehler halbwegs intelligente oder wenigstens lesbare Antworten herausfiltern könnt, werden wir dann sehen.

Einhorn vor Regenbogen mit Katze auf Rücken

Mag jemand They Might Be Giants?

Nerdrocker They Might Be Giants, die schon seit der Frühsteinzeit von Dingen wie Unterwasserstädten voller Kühen oder dem Ding am Rande deines Gesichtsfelds, das dich den ganzen Tag beobachtet und verhöhnt, singen, haben ein kostenloses Live-Album online gestellt. Es wurde bei der Tour 2013 aufgezeichnet und enthält alle Songs ihres ersten, übrigens sehr geilen Albums.

Wer die Band nicht kennt und keinen Plan hat, wovon ich rede: Hier ist ihr Stück “Where Your Eyes Don’t Go”, das Terry Pratchett mal als “the scariest song I’ve ever heard” beschrieb.

Ein Mann gegen die Welt - Kritik zu Noah

Zehn Generationen sind vergangen, seit Kain Abel erschlug und sein Bruder Seth gen Osten floh. Zehn Generationen, die die Menschheit genutzt hat, um die gesamte Schöpfung zu ruinieren.

Das ist die Ausgangssituation von Aronofskys apokalyptischen Epos Noah. Kains Nachfahren haben gewaltige Städte erschaffen und die Umwelt so weit zerstört, dass Noahs Söhne nicht einmal wissen, was ein Baum ist. Die Welt ist eine öde Wüste, die Rohstoffe sind verbraucht, die Tiere bis zum Aussterben gejagt. Man braucht keine großen intellektuellen Fähigkeiten, um die Parallelen zur Gegenwart zu erkennen, die Aronofsky hier zieht.

Noah, einer der letzten Nachfahren von Seth, lebt mit seiner Familie abseits der Städte. Er tötet keine Tiere und führt ein einfaches Leben. Letzteres ändert sich, als der Schöpfer (der Film spricht nie von Gott, also mache ich das hier auch nicht) ihm in Visionen das Ende der Welt zeigt. Eine riesige Flut wird kommen und all das Böse auslöschen, damit die Schöpfung neu anfangen kann. Um die Unschuldigen zu retten, soll Noah eine Arche bauen. Unschuldig sind aber nur die Tiere, nicht die Menschen und das bedeutet, dass Noah, um den Willen des Schöpfers zu erfüllen, sich selbst und seine eigene Familie opfern muss - plus all die anderen Leute, die ganz gern einen Platz in der Arche hätten.

Aronofsky schildert den Mythos der Sintflut als Konflikt eines Mannes mit sich selbst, seinem Schöpfer und der Welt. Russell Crowe ist großartig als der innerlich zerrissene Noah. Sein Schöpfer hat ihm zwar den größten Spoiler in der Geschichte der Menschheit verraten, trotzdem erfüllt er dessen Willen stur und bis zur Selbstaufgabe. Aronofsky unterlegt diesen inneren Konflikt mit phantastischen Bildern des äußeren Konflikts. Er erschafft eine öde, tote Welt voller knochenbedeckter Ebenen und endloser Steinwüsten. Die Menschen, die versuchen, dort zu überleben, sind grausam und desillusioniert. Sie wissen, dass ihr Schöpfer sie verlassen hat, aber sie verstehen nicht, warum.

Noah ist ein Film, der es wagt, große Fragen zu stellen und der Menschheit schonungslos den Spiegel vors Gesicht zu halten. Wenn er dabei nur nicht so sterbenslangweilig wäre.

Über weite Strecken, vor allem in der zweiten Hälfte, liegt die Last seiner eigenen Bedeutsamkeit so schwer auf seinen Schultern dass er sich im Schneckentempo fortbewegt Aronofsky hat eine Botschaft und die will er uns mitteilen, wenn nötig auch zehn Mal hintereinander.

Schon in den ersten Minuten spielt sich der Film als Oberlehrer auf. “Umweltzerstörung ist schlecht”, postuliert er, so als gäbe es irgendjemanden, der daran zweifeln würde. Dieser Tonfall legt sich nach einer Weile zum Glück und wird vom Konflikt mit Kains Nachfahren und dem Bau der Arche abgelöst. Diese Dreiviertelstunde, die ihren Höhepunkt in der Flut findet, ist klasse. Aronofsky bedient sich der für ihn typischen, visuellen Spielereien, verliert das eigentliche Thema aber nie aus den Augen. Einzig die Wächter, gefallene Engel, die von ihrem Schöpfer in Stein eingeschlossen wurden, stören. Dieses Stück Fantasy passt nicht in eine ansonsten so minimalistische und schroffe Welt. Hinzu kommt, dass das CGI vor allem in 3D verschwommen wirkt und das Design an den Steinbeißer aus Die unendliche Geschichte erinnert. Kein Wunder, dass man die Wächter im Trailer nicht sieht.

Würde Noah mit der Flut enden, könnte man ihm seine Selbstgefälligkeit und die moralische Aufgeblasenheit verzeihen. Leider folgt aber darauf ein so träges Kammerspiel, dass sich die 140 Minuten Lauflänge des Films wie 440 anfühlen. Schließlich passiert das, was man eh die ganze Zeit erwartet hat und wenn das Licht im Kinosaal angeht, ist man nicht etwa erfüllt vom Geist der grünen Revolution, sondern gelangweilt und enttäuscht.

Noah ist kein schlechter Film. Die tolle Besetzung, die großartigen Bilder und die Dreiviertelstunde, in der er eine richtige Geschichte erzählt, gehören ebenso zu ihm wie die öde zweite Hälfte und seine humorlose Schwere. Man spürt Arnofskys Leidenschaft in jeder Einstellung, aber er scheitert an dem Anspruch, den er an sich selbst stellt. Er will zu viel und erreicht zu wenig. Deshalb mit sehr viel Wohlwollen drei Sterne.

Noah