Inglourious Basterds
Dieser Film ist groß. Das sage ich nicht nur, weil ich in der dritten Reihe vor einer Leinwand saß, die ungefähr die Größe des besetzten Frankreichs hatte, sondern weil er es ist. Die Charaktere sind groß, das Ziel, das sie verfolgen, ist groß, es gibt keine kleinen Momente und keine Zwischentöne. Das macht schon der Trailer klar, den ihr euch jenseits der Startseite ansehen könnt.
Inglourious Basterds beginnt mit einer zehnminütigen Dialogsequenz, was nicht bedeutet, dass ihr den Kinosaal zehn Minuten nach Beginn des Films betreten solltet. In ihr lernen wir nämlich den Gegner kennen, auf den die Basterds früher oder später treffen werden: Oberst Hans Landa, großartig gespielt von einem österreichischen Schauspieler namens Christoph Waltz. Dessen Namen hatte ich vor Inglourious Basterds noch nie gehört, und es ist mir ein absolutes Rätsel, wieso ein so guter Schauspieler bisher zu einem Dasein in ZDF-Produktionen und Tatort-Folgen verdammt war.
Aber zurück zu seiner Figur Oberst Landa. Dieser Typ ist ein Arschloch, nicht im Sinne von "Das Arschloch hat sich an der Aldi-Kasse vorgedrängelt", sondern wie in "Mit diesem Typen auf dem gleichen Kontinent zu leben, ist mir einfach zu gefährlich".
Ihm gegenüber stehen eine Kinobesitzerin, die einen Propagandafilm in Anwesenheit von Goebbels und anderen Nazi-Bonzen zeigen soll und die Basterds, ein rein jüdisches Guerilla-Kommando, das von Brad Pitt, alias Spaßfaktor Nummer Eins des Films, angeführt wird. Keiner dieser Soldaten wird charakterisiert. Wir erfahren nur das Nötigste über sie, also, dass sie auf möglichst grausame Weise möglichst viele Nazis umbringen wollen. Das reicht. Mehr muss uns der Film nicht sagen, und das tut er auch nicht.
Dass Inglourious Basterds trotz der minimalistischen Charakterisierungen rund zweieinhalb Stunden dauert, liegt an den langen, für Tarantino typischen Dialogsequenzen. Und nein, die sind nicht öde. Die Charaktere sind nicht Tarantinos Sprachrohr, so wie in Kill Bill 2, und das, worüber sie reden, erscheint nur im ersten Moment belanglos. Zum ersten Mal seit Pulp Fiction gelingt es Tarantino, durch Gelaber Spannung aufzubauen, an einem Punkt sogar so gut, dass das Publikum kollektiv den Atem ausstieß, als es zum unvermeidlichen Patzer einer Figur kam.
In Inglourious Basterds wimmelt es von Anspielungen. Mal ist der Film wie ein Italo-Western inszeniert, mal sieht er aus wie Casablanca, dann wieder wie ein typischer Actionfilm der Achtziger. Ständig begegnen einem Charaktere, die Namen von Regisseuren oder Schauspielern tragen, was tatsächlich das einzige ist, was mich gestört hat. Tarantino zeigt mit solchen Stunts immer wieder gern, dass er einer von den Coolen ist, dabei hat er das längst nicht mehr nötig. Aber okay, das ist eine Kleinigkeit. Dafür gibt es Pluspunkte für Vor- und Abspann, die im besten Sinne des Wortes Old School sind. Minutenlang sehen wir Namen und Funktionen in heller Schrift vor dunklem Hintergrund. Kein wildes Herumgeschneide, keine halb versteckt eingeblendeten Namen, so als habe man Angst, das Publikum mit mehr als zehn Buchstaben die Minute zu überfordern, einfach nur Vor- und Abspann. 2009 erfordert so etwas Mut.
Ein letztes Wort noch an die History-Channel-Junkies und Guido-Knoop-Anhänger: Inglourious Basterds ist keine Geschichtsstunde. Der Film beginnt aus gutem Grund mit den Worten "once upon a time". Er erzählt nicht den Zweiten Weltkrieg, sondern wie der Zweite Weltkrieg gewesen wäre, wenn ihn Quentin Tarantino geschrieben hätte. Und das ist schon eine coole Idee.
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Kill'em all
Endlich wieder mal ein gelungener Tarantino-Film der es in sich hat. Nach dem absolut öden DEATH PROOF hatte ich schon befürchtet, der Regisseur von PULP FICTION sei in eine Art narzisstische, realitätsentrückte Kreativitätsphase gefangen, in dem Glauben, die blosse Erwähnung seines Namens würde Kritiker wie Publikum entzücken.
Mit INGLORIOUS BASTERDS ist der gute, alte Tarantino wieder zurück und zwar mit Zuckerbrot und Peitsche. Man kann den Film schlecht in eine Sparte stecken. Antikriegsfilm? Satire? Komik? Umgebauter Brutalo-Western im Soldatenlook? Wohl eher alles zusammen. Über die geniale Umsetzung der jeweiligen Schauspieler will ich nicht weiter eingehen, nur dass neben Christoph Waltz auch Till Schweiger als psychopatischer Serientäter eine Augenweide ist. Absolut genial ist die drastische Umwälzung der sonst so stereotypen Figuren. Die Basterds sind brutale, fast dümmlich zu nennende Haudegen die in terroristischer Manier zu ihrem ultimativen Ziel kommen wollen und im Hinblick auf 9/11 und den Nahen Osten bzw. Afghanistan setzt der Film da an, wo es weht tut. Man versetze die Handlung in die heutige Zeit und tausche verschiedene Uniformen aus, so wird einem schnell klar, dass der Begriff „Böse(wicht)“ tatsächlich vom jeweiligen Blickwinkel des Betrachters abhängt. Objektiv betrachtet wird eine Besatzungsmacht von einer fanatischen Guerillatruppe abgeschlachtet – der 9/11 des Dritten Reiches. Die Szene wo der wehrlose deutsche Kommandant vom „Judenbären“ zu Matsch geknüppelt wird, ist nur allzudeutlich. Überhaupt kann man sich mit den Basterds nicht so richtig identifizieren. Sie sind nicht gerade mit Intelligenz und guten Manieren gesegnet im Gegensatz zu den „Nazis“ welche gebildet, höflich und scharfsinnig agieren. Ein weiterer Schenkelklopfer ist die Vorführung des Propagandafilms STOLZ DER NATION. Die Szenen sind eine Persiflage bzw. Anspielung auf Spielbergs SAVING PRIVATE RYAN; ich kann mir vorstellen, dass der Regisseur von E.T. beim Anblick dieser Szenen der Blutdruck in die Höhe schnellt. Im grossen und ganzen spielt Tarantino mit Klischees indem er sie so vermischt, dass einem bei so mancher Szene das Lachen im Hals hängen bleibt. Die Auflösung am Ende des Films hat mich schon etwas sprachlos gemacht, ist aber genial. (Nicht zu vergessen der Hitler-Overkill )
Oberst Landa jedenfalls ist ein Musterbeispiel an Vernehmungstechnik bis zur Aussage und darf sich, was Bösewichte anbelangt, einen Orden anhängen.
Ich hatte das Glück den Film im Original zu sehen - die Deutschen sprechen Deutsch, die Franzosen français und die Amis american.
DarkSoul
Basterd, ehrenhalber.....
...werte Claudia. Zu einem solchen sollte man Dich auf Grund Deiner Rezi ernennen.
Jedes Wort da wo es hingehört, durchzogen von einer Begeisterung, die aus jedem Satz quillt.
Kann ich nur unterschreiben.
Sehr schön ist der derzeitige Donnerhall, der durch das web dröhnt - nach dem Motto: WÄÄÄHHHH! Alle Deutschen werden als Nazis dargestellt: da wir uns im BESETZTEN Frankreich befinden (mit Ausnahme des Führerhauptquartiers in Berlin) mal ne Frage: glaubt hier irgendjemand, dass sich unter den gegebenen Umständen tatsächlich deutsche Touris - ohne Uniform - in dem Gebiet befunden hätten? Und dann noch:
BOAH! Ist DER aber brutal!
Hierzu nur eine Anmerkung: über die FSK "Ab 16" kann man durchaus geteilter Meinung sein (besonders weil im Kino nebenan "G.I.JOE" auch frei "AB 16" läuft - dies auch nur weil die hiesige FSK immer noch nicht ihre Liebe zu Ninjas und ihren Waffen entdeckt hat) - doch hatte ich keineswegs den Eindruck, dass die Gewalt hier in irgendeiner Form als vermeintlich "cool" gezeigt wird (so wie in Tarantinos KILL BILL). Jegliche Form von Gewalt wirkt.... eher abschreckend, unschön - und die Kamera suhlt sich auch keinesfalls in der entsprechenden Bebilderung.
Last but not least: das gesamte erste Kapitel - in dem Tarantino Leones THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY zitiert, ist für mich (neben den ersten zehn Minuten von Pixars OBEN) das grossartigste, das ich in diesem Jahr auf der Leinwand erleben durfte....
Enjoy - oder wie Mel Brooks es in einem sehr schönen Song (TO BE OR NOT TO BE) auf den Punkt gebracht hat: Why don`t we throw a little Nazi Party?
Tarantinos Nazi-Märchen ist DIE Party zum Song!
ich bin gerührt
Basterd ehrenhalber ist eine tolle Auszeichnung. :)
Ich kann mich deinen Ausführungen nur anschließen. Natürlich weiß Tarantino, dass nicht alle Deutschen Nazis waren, aber für diesen Film ist das völlig unerheblich, Märchen differenzieren nicht, Ebenso gut könnte man von Rotkäppchen verlangen, doch auch die Seite des Wolfs zu beleuchten.
Zur Gewalt: es gibt ein paar unangenehme Szenen (ich sage nur Baseballschläger), aber du hast recht: das ist weder Spaßgewalt, noch Voyeurismus, und für einen solchen Film absolut angebracht.
Das Leone-Zitat hat mich übrigens umgehauen